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BR 03 von Rokal 1968

So sah er aus, der Traum meiner Kindheit, eine BR 03 von Rokal, die mit einem Preis von DM 57 für mich leider unerschwinglich war. Mitte der 60er Jahre war der Hersteller aus Lobberich mit seinem TT-Programm technisch absolut up-to date. Damals waren HO Fahrzeuge im Handel, die ihr Vorbild nicht annähernd derart gekonnt ins Modell umsetzten.

Trafos von Rokal

Die Firma Rober Kahlmann in Lobberich (heute Nettetal) war seit den zwanziger Jahren ein großer Hersteller von Sanitärarmaturen und Vergasern. Produkten, die aus Zinkdruckguss hergestellt wurden, von bis zu 2300 Mitarbeitern. Kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde hier der Diplomingenieur Eugen Engelhardt vorstellig: Er hatte Prototypen für die damals kleinste Modellbahn der Welt im Gepäck: Im Maßstab 1:120. Kleiste der Welt? Nicht ganz, denn in den USA hatte Konstrukteur Harold L. Joyce kurz vorher eine ähnliche Idee und ein ähnliches Produkt entwickelt. Die Idee: In den beengten Wohnverhältnissen der Nachkriegszeit war für Gleisanlagen im größeren HO wenig Platz - und moderne Technik machte inzwischen kleinere Modelle möglich. Unternehmer Robert Kahrmann ließ sich überzeugen und richtete in seinem Werk eine entsprechende Abteilung ein. Die Modelle entstanden aus dem Zinkdruckguss, den dieses Werk bestens beherrschte. Gleise und zunehmend auch Zubehör lieferten andere Firmen zu. Bereits 1949 gab es den ersten Messeauftritt und nachfolgend die Serienproduktion. Eine Erfolgsgeschichte begann, in deren Verlauf eine Startpackung und später weitere Modelle auch unter dem Weihnachtsbaum unserer Familie landeten.

Rokal Film von 1958

Einen Konstruktionsfehler hatten allerdings alle Rokal-Modelle: Weil der innenliegende Motor eigentlich doch ein Stück zu groß war, entsprachen die Lokomotiven eher dem Maßstab 1:100, auch die Räder waren von heutigem Fine-Scale meilenweit entfernt. Doch der große Motor hatte auch sein gutes. Er war nicht nur robust und stark, er bescherte den Modellen auch eine für damalige Verhältnisse fast konkurrenzlose Fahrkultur. Ähnlich wie bei Märklin und damaligen Fleischmann-Modellen lag die Motorachse parallel zu den Radachsen, die Kraft konnte ohne Schnecke mit reinem Zahnradantrieb auf die Räder übertragen werden.

Schaubild elektrische Verdrahtung

In einem anderen Bereich würde ich ROKAL sogar als - damals - absolut führend bezeichnen. Das elektrische Konzept der Rokal-Bahn könnte auch heute noch allen nicht-Digital-Systemen ernste Konkurrenz machen. Ein Transfornator lieferte 14 Volt Wechselstrom für zwei bis vier Stromkreise. Bis zu vier Fahrpulte mit Gleichrichter konnte daran angeschlossen werden. An deren Seiten wurden mit Druckknöpfen (ohne Kabelsalat) die Stellwerkshebel angeschlossen. Deren Konstruktion ermöglichte jederzeit eine Kontrolle der aktuell eingestellten Stellung. Ganz nebenbei ähnelten sie auch noch auf angenehme Weise realen Stellwerkshebeln. Ein ähnlich sinnvolles und praktisches System ist meines Wissens bis heute nicht auf dem Markt! Nebenbei bemerkt: mit Oberleitung war auf einem Gleis damals schon unabhängiger Zweizugbetrieb möglich.

Damit des Luxus nicht genug: Die elektrischen Antriebe enthielten einen Umschalter, der anstelle eines Relais direkt angeschlossene Signale oder weitere Weichen schalten konnte. Das ist selbst heute noch nicht selbstverständlich. Signale, Oberleitung und Bahnschranken gab es ebenso. Wie durchdacht das System schon Mitte der 60er jahre war, kann man auch daran sehen, daß im Lieferprogramm schon damals auch Bausteine zur fahrtrichtungsabhängigen Zugbeeinflussung an Signalen enthalten waren, ebenso wie ein Kontaktgleis, mit dem beispielsweise die Schranke auf elektrischen Wege geschlossen werden konnte, während andere Hersteller die Schranken noch durch das Gewicht der Lokomotiven mechanisch nach unten drücken ließen.

Vollprofilgleise

Heute hört und liest man oft im nachinein vom vergleichsweise spielzeughaften Gleismaterial. Spätestens im Jahr 1967 konnte davon aber keine Rede mehr sein. Ich führ schon auf echten Vollprofilschienen, als manch ein Freund für HO noch rundgebogene Blechschienen kaufte. Die Weichen waren ebenfalls in vielen Details ihrer Zeit voraus: Der Fahrstrom wurde vollautomatisch auf das jeweils eingestellte Gleis geschaltet, das jeweils Andere blieb stromlos. Fleischmann nannte das später 'denkende Weiche' und man konnte mit ihnen ganze Fahrstraßen praktisch vollautomatisch verdrahten. Allerdings sei nicht verschwiegen. Wegen der dicken Räder der rollenden Modelle klafften an Radlenkern und Herzstücken der Weichen breite Lücken - und die alten Fahrzeuge sind ohne Umbau der Radsätze auf modernen Gleisen nicht lauffähig.

Erwähnenswert ist eindeutig auch die Kupplung. Es handelte sich un die erste 'starre' Kupplung, bei der die Kupplungsköpfe sich in Kurvenfahrten nicht 'verdrehen' können, sondern stattdessen eine 'starre' Deichsel zwischen den Fahrzeugen entsteht. Konstruktiv ist sie damit eine Vorläuferin der heutigen Kurzkupplungen und tatsächlich basiert die später von Arnold eingeführte Kupplung auf einem Patent der Firma Rokal. Die Rokal Kupplung war zwar damals noch etwas klobig, glänzte aber durch hervorragende Funktionssicherheit.

Kupplung

Ende der 60er geriet ROKAL durch Probleme in den anderen Sparten in Finanzschwierigkeiten, die Fortentwicklung stoppte, man machte Fehler im Vertrieb. Zudem war seit 1964 von den Herstellern Arnold und Trix eine noch kleinere Modellbahn im Maßstab 1:160 - Spur N - auf den Markt gekommen. Der französische Hersteller, der das Rokal-Werk nach dem Tod des Gründers schließlich kaufte, hatte an den Modellbahnen kein Interesse mehr. Wenn Rokal überlebt hätte, hätte man - ähnlich wie andere - Anfang der Siebziger Jahre die modellmäßige Gestaltung sicherlich noch einmal deutlich verbessern müssen. Insbesondere hätte ein kompakterer Motor eine bessere Maßstäblichkeit ermöglichen müssen. In Ihrer Blütezeit war die Rokal - Modellbahn aber sicherlich manch größeren Spurweiten doch um Längen voraus.

Rokal-Werbe-Männchen

Ein Teil meiner Wagen aus den 60ern ist heute noch in Betrieb. Um auf modernen Gleisen von Tillig fahren zu können, mußten sie Austauschradsätze bekommen, auch von den Kupplungen habe ich mich schließlich getrennt. Die alten Lokomotiven würden ebenfalls komplett neue Radsätze benötigen um auf heutiges Gleismaterial zu passen, doch den Aufwand habe ich mir bislang dann doch erspart.